Volxmusik
ist Rock'n'Roll! - Konzertbericht zu Eläkeläiset und Einstürzende
Heuschober (17. Mai / Zeche Carl) 19.05.2005 17:06
Zwei Combos
der besonders schrägen Art trafen jetzt in der Essener Zeche Carl
aufeinander, um gemeinsam dem guten Geschmack das Fürchten zu lehren:
die „omnipotenten Polkateufel“ der Einstürzenden Heuschober und Eläkeläiset,
die finnischen Könige des Humppa. Eine Konstellation, die es nicht
alle Tage gibt und Szene-Kennern den Mund wässrig macht.
„Volxmusik ist Rock´n´Roll“,
schreit Shilo, der kräftig gebaute Geiger der Einstürzenden Heuschober,
ins Mikrofon, um dann ein lasziv gehauchtes „Baaaby!“ hinterher zu schieben.
Der erste Teil eines schweißtreibenden Abends ist eingeläutet.
Mit einer derben Polka macht die neunköpfige Combo den rund 500 Zuschauern
Beine. 45 Minuten Europäischen Chaos-Folk par Excellence gibt es im
Folgenden auf die Glocke und die überwiegend in enge, zebragestreifte
Pornoshirts gezwängten Heuschober zeigen, warum sie sich in ihrer
14-jährigen Bandgeschichte Beinamen wie „Omnipotente Polkateufel“,
„Evil Knievels der Volksmusik" oder „rheinisch-westfälische Volksmusikdisco"
verdient haben: Mit viel Witz und Enthusiasmus geben sie Gas -- fernab
des „Wir packen uns an die Hände und tanzen einen Reigen“-Klischee.
Stattdessen zeigt sich die Band darin geübt, mit wenig Arrangement,
dafür viel Krach und Chaos, die Ohren und Füße des Publikums
zu okkupieren. Ihr Motto „Bauernhände spielen nicht sauber, aber derb
und ehrlich“ ist auch an diesem Abend Programm. Nach einem Speed-Folk-Medley
aus „Pippi Langstrumpf“ und „Eine Insel mit zwei Bergen“ können die
Heuschober, die gerade wegen ihrer Live-Qualitäten längst zu
den ganz Großen der hiesigen Folkszene zählen, zufrieden von
der Bühne gehen. Sie haben den zwischenzeitlich undankbaren Job als
Vorband souverän gemeistert und selbst szenefremde Metal- und Punkfans
zum Polken gebracht.
Nach dieser Steilvorlage
warten die Fans auf den Headliner Eläkeläiset (Finnisch für
„Die Rentner“). Die Masse johlt, als Martti Varis, Petteri Halonen, Lassi
Kinnunen und Kristian Voutilainen die Bühne in schwarzen Jackets und
kurzen Anzugshosen sowie Strohhüten auf dem alkophilen Brummschädel
betreten. Die Senioren-Band gibt es seit über zehn Jahren und ist
vor allem in Deutschland für ihre schrägen Coverversionen einschlägiger
Klassiker der Pop-, Rock- und Metalszene bekannt. Auch an diesem Abend
dreht das Quintett einen Evergreen nach dem anderen durch ihren berühmt-berüchtigten
Humppa-Fleischwolf. Humppa, Humppa, Humppa, aber ohne Täterä;
stattdessen gilt der Musikstil als eine schnelle Variante des Foxtrotts
im 2/4-Takt, die durch ihren Offbeat direkt in die Füße geht.
Die verwursteten Originale sind nur schwer wieder zu erkennen, was neben
den finnischen Texten auch an der unorthodoxen Spielweise der trinkfesten
Skandinavier liegt. Hin und wieder müssen eben singende Sägen
oder leidgeprüfte Keksdosen als Instrumente herhalten; ebenfalls prägnant
ist der Heimorgel-Sound, der eine wunderbare Vorschul-Stimmung schafft.
Aus Queens “We will rock you” wird „Lisää Humppaa“, aus 2 Unlimiteds
„No Limits“ „Humppaa Tai Kuole!“ und aus Billy Idols “Dancing with myself“
„Humppean Itsekseni“. Nach jedem Stück stehen die sonst gemütlich
sitzenden Musiker auf, reißen sich die Strohhüte vom Kopf und
lassen sich frenetisch vom Publikum feiern. Dann leiten Eläkeläiset
mal auf englisch, finnisch oder deutsch zum nächsten Song über.
„Now an excellent piece of Humppa-Music – Here we go!“ oder “We´re
Eläkeläiset, we humppa like this!”. Kein Auge bleibt trocken,
kein Fuß still, Hände formen sich zur Pommesgabel und werden
gen Himmel gestreckt, Pogo und Stageviding sind an der Tagesordnung. Einige
Zeitgenossen starten eine Polonaise auf der Bühne, was aber zur Folge
hat, dass der Song sofort abgebrochen wird. Nach der Begründung „We´re
scared“ steigt die Band von lautem Gelächter begleitet ohne Umschweife
wieder in den Song ein. Zwei Stunden geht das sehr spaßige Spektakel
so, bis die Finnen schließlich den Ruf der Wodka-Flaschen hören
und unter begeistertem Applaus Richtung Backstage ziehen.
Live-Termine:
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- EINSTÜRZENDE
HEUSCHOBER (http://heuschober.com/):
18.06. Unterafferbach,
Open-Air-Folkfestival „Schnääl Folk“
20.07. Lommel
(Belgien), Bal-Folk-Abend „Boombal“
21.07. Gent (Belgien),
Kulturfestival „Gentse Feisten“
- ELÄKELÄISET:
19.05. Bern (Schweiz),
ISC
20.05. Karlsruhe,
Substage
21.05. Aalen,
Rock It
01.07. Rudolstadt,
Tanz- und Folkfest
02.07. Berlin,
Monsters of Humppa
03.07. Löbniz,
With Full Force Festival
(dp / mp3.de)